Freitag, 26. September 2014

Was alles in meiner Tasche ist

Ich mache den Reißverschluss meiner Tasche auf. Eigentlich ist es ja ein Rucksack. Den hat mir meine Schwester gegeben. Braucht ihn nicht mehr. Noch so gut wie neu. Ich als Verfechterin der Ideologie, dass man ja nichts Neues kaufen braucht, wenn es was Gebrauchtes gibt, das spart nicht nur Geld, ist gleichzeitig auch schlecht für unsere kapitalistische Wirtschaft und man kann der Fast-Fashion-Industrie oben drauf eins auswischen, sag da natürlich nicht nein. Also schleppe ich jetzt tagtäglich den beigen Rucksack mit dem Gespenst oben drauf herum. Manchmal hängt auch mein Skateboard vorne dran. Der ist nämlich so praktisch, dass er zwei Gurte hat, da kann man solche Bretter gut befestigen.

Ich trage ihn also mit mir mit. Wenn ich in die Arbeit gehe, wenn ich mich auf einen Kaffee verabredet habe, wenn ich Rad fahre, auf dem Donaukanal, der Margaretenstraße, wo auch immer ich mich befinde. Und meistens ist er voll. Zum Glück trägt sich so eine Last am Rücken viel besser als bloß auf einen Gurt befestigt und über die Schulter gelegt.
Ich nehme alles mit. Möchte doch vorbereitet sein und kann es nicht verantworten, irgendetwas zu vergessen.
Ich packe ihn also einmal aus...
Neben meiner Trinkflasche - die muss natürlich immer mit bei einer patologisch Durstigen, findet sich mein Gerechtigkeitdenken, das manchmal wohl - vor allem für andere Menschen - besonders schwer zu tragen ist, weil es sich penetrant bemüht, besonders ins Gewicht zu fallen und somit Aufmerksam sucht. Ich kann keinen New Yorker, keinen H&M oder sonst eine Kleiderkette, die unter menschenunwürdigen Konditionen Gewand auf dem Fließband der bereitwilligen Masse hinwirft, unkommentiert lassen. Auch schaltet sich dieses Denken ein, sehe ich, wie manche Menschen einzukaufen pflegen. Hauptsache billig. Dass es auch auf der anderen Seite der Welt Leute gibt, die eben diese Orange anbauen und ernten müssen, die man da um 50 Cent gepresst im Orangennektar vorfindet, wird mal außen vor gelassen. Hat ja damit nichts zu tun, gell? Von Umwelt brauch ich da gar nicht erst anzufangen. Mittlerweile habe ich es aber schon insofern unter Kontrolle, dass ich ihm nicht immer nachgeben muss, dass ich nicht alles weiter sagen brauche, was das Gerechtigkeitsdenken so verzapft. Es bleibt aber trotzdem in meinem Rucksack und ich nehme es auch mit ins Waldviertel, wenn ich einen Theaterauftritt habe.

Bei weiterem Kramen stößt man auch auf mein Tagebuch. Das ist ganz schlicht schwarz und hat linierte, dünne Seiten. Etwas um Gedanken, Gefühle oder auch Filmempfehlungen aufzuschreiben muss einfach mit, ohne dem fühl ich mich ein wenig nackt. Auch der Terminkalender gehört dazu. Erst gestern hab ich meine Vorlesungen eingetragen. Wann hab ich eigentlich mal wieder Zeit für mich? Ich habe mich schon überlegt, mir jede Woche einen Abend ganz allein für Dinge zu reservieren, die gut sind für mich. Hört sich egoistisch und komisch an, aber ich habe gemerkt, dass das für mich zumindest sehr essenziell ist, ab und an an einer Collage zu arbeiten, Harfe zu spielen oder einfach nur zwei Stunden zu lesen.

Natürlich finden sich auch diverse Stifte im Rucksack. Ist doch klar, ohne Stifte nützen mir auch die schönsten Bücher nichts.

Weiter unten befindet sich auch, neben etwas zum Lesen, wer weiß, wo und wie lange man nicht zum Warten gezwungen wird, meine Unsicherheit. Ich bringe es einfach noch nicht ganz übers Herz, sie ganz und gar von meinen Sachen zu trennen. Bei jedem Blick in ein Schaufenster, das meinen Anblick widerspiegelt, meldet sie sich. Oder bei der Aussage meines Mit-Ferialpraktikanten, der auf meine Antwort auf seine Frage, wie es mit meinen Zähnen so geht - das Essen ist halt schwer - erwidert hat, dass es eh gut für meine Figur ist, macht sie sich besonders ungut bemerkbar. Da spür ich das Gewicht speziell.

Außerdem fehlt bei mir sowieso nie meine Kritik. Die Kritik gehört praktisch zur Unsicherheit, aber ist ein wenig gemeiner. Und richtet sich auch nicht nur gegen mich. Das gefällt mir eigentlich noch weniger. Manchmal denke ich mir bei vorbeigehenden Menschen kurz, was sich diese Person denn bei der Auswahl dieser Kleidung gedacht hat. Gleich danach fühle ich mich eh wieder schlecht und freue mich, dass es Menschen mit einem ganz speziellen Stil gibt. Bei jedem Text, den ich lese versuche ich zu reflektieren. Das hat, finde ich, auch ein bisschen was mit kritisieren zu tun. Aber Reflexion ist mir ganz, ganz wichtig und sollte viel öfter angewendet werden. Üner alles Gesagte und Gehörte lege ich den Filter der Kritik. Die Kritik ist unterschiedlich gewichtet. An manchen Tagen nehme ich auch nur weniger von der Kritik mit, manchmal auch mehr.

Dann sind immer Kopfhörer dabei. Ich brauche etwas, um meine Umwelt abschalten zu können. Ab und zu bleiben sie auch im Rucksack und ich nehme sie nicht heraus, aber meistens brauche ich meine Musik. Musik ist was Tolles und all die Leute, die so feine Klänge produzieren können, bewundere ich immens. Ich profitiere ja schließlich sehr von ihnen. Achja, ich brauch ja auch ein Medium, von dem ich die Musik abspielen kann. Das Handy. Ui, das ist ein Thema für sich. Mich nervt mein Telefon schon sehr. Prinzipiell eigentlich. Handys sind schon so sehr in unseren Alltag geflossen, dass es eine Abwechslung ist, wenn man mal Menschen, die unter dreißig sind, kein Mobiltelefon in der Hand halten sieht. Man könnte es auch schon als Kompliment ansehen, wenn bei einem Gespräch das Handy mal für zehn Minuten beiseite gelegt wird. Gibt es nicht auch schon die theory of the fear of missing out something? Würde sich zumindest für meine Ohren sehr plausibel anhören. Naja, das Handy muss trotzdem auch bei mir mit. Obwohl ich bei dem ganzen ja nicht mitmachen möchte. Eigentlich. Und trotzdem schau ich mir in regelmäßigen Abständen - viel zu oft um genau zu sein - meinen Facebook-Newsfeed an und scrolle mich durch meine Instagram Startseite (da heiß ich übrigens pinkerthanfloyd, höhö, Produktplatzierung oder so).
Außerdem lassen sich die alltäglichen Wichtigkeiten, ohne die man sowieso nicht aus dem Haus gehen kann, im Rucksack finden. Neben meinen Schlüssel sind Feminismus, das blaue Geldbörsel und Handcreme zu sehen. Meistens versteckt sich der ein oder andere Flyer noch unter all dem Kram, den ich mir irgendwo eingesteckt habe.
Das ist ja jetzt schon sehr viel. Aber den meisten Platz nimmt wohl meine Motivation ein. Die ist wirklich immer mit von der Partie und erhellt den Tag für mich. Es gibt mir ganz viel Energie und Lebensfreude. Mich motiviert ganz Vieles, und ich bin auch stark motiviert so einiges selbst in die Hand zu nehmen. Am Liebsten würde ich ja sowieso alles machen. Alles ausprobieren und ganz viel tanzen. Vielleicht ist das der markanteste Bestandteil meines Rucksacks. Zusammen mit dem Gerechtigkeitsdenken füllt es schon fast den ganzen aus. Von der Motivation ernähre ich mich irgendwie. Sie gibt mir Kraft und Antrieb und macht alles netter. Manchmal braucht sie auch so viel Platz, dass ich weitere Stücke der Unsicherheit herausgeben muss. Manchmal halt. Momentan vielleicht nicht, aber das liegt wohl an meiner jetzigen Zahnsituation und dem Umstand, dass ich mich irgendwie alleine fühle. Aber das geht auch vorbei. Vielleicht ist morgen die Schwellung schon komplett verschwunden und die Verfärbungen werden auch irgendwann verblassen. Genauso wie die Melancholie. Aber die stecke ich mir trotzdem meistens in eine Seitentasche.

In der Ecke neben meinem Kleiderschrank liegen haufenweise Taschen. Kleine sind auch dabei. Und eine unglaublich coole - eine blaue bestickte, in Delfinform. Aber ich weiß gar nicht, wie ich jemals mit so einem Mini-Beutel auskommen konnte. Es gibt doch so viel zum Mitnehmen. Und da ist der Regenschirm noch gar nicht inkludiert.

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