Mittwoch, 10. September 2014

Zeit

Die Tage verstreichen. Die Stunden verrinnen - und ich bin irgendwo dazwischen. Bleibe nicht sitzen und lauf immer weiter, schließe mein Rad anstatt im Keller vor dem Haus ab. Morgen brauche ich es sowieso schon bald. Ich bin zeitlos, habe meine Uhr verloren, und versuche, so viel wie möglich in die Zeit zu leben und nicht auf das Mobiltelefon zu schauen und es nach der Uhrzeit zu fragen. Und dann komme ich heim, für einen kleinen Sprung aber nur. Ganz kurz Ballast abwerfen und los gehts - nächstes Treffen, nächste Verabredung, nächster Termin. Ich husche von der Arbeit zum Zahnarzt und es wird ein anderer Name aufgerufen, ich gehe trotzdem hin und stifte Verwirrung.
Ich lebe ungesund. Schlaf kommt bei mir gerade etwas zu kurz. Mein Kaffeekonsum ist auch sehr beachtlich. Auf einmal fallen mir die Augen zu. Ganz plötzlich. Eines nach dem anderen - nicht gemeinsam, das geht ja nicht, ich muss doch wach bleiben und noch schreiben und lesen und erleben und spazieren und Musik genießen. Und plötzlich liege ich auf meinem immer noch improvisierten Bett am Boden, der Lidstrich hält und zum Glück habe ich mir meinen Wecker für den nächsten Tag bereits im Vorhinein gestellt gehabt.
Den ganzen Tag über sehe ich mich nicht selbst. Ich schaue nicht in den Spiegel, außer, wenn ich in der Arbeit auf der Toilette meine Hände mit der toll aufgeschäumten Seife wasche. Da erhasche ich einen kleinen Blick auf meine Haare - habe ich die heute überhaupt schon aufgemacht? Die Haare sind eher wie ein Straußennest und stehen wild in alle Richtungen. Ich lasse das mal so. Das macht mir gerade Spaß. Genauso wie schwarz anziehen. Es macht mir Spaß, mir immer neue Kombinationen in bloß dieser nicht-Farbe zu überlegen und im Wien Museum am schickesten angezogen zu sein. Keine Ahnung, ob mein Spiegel, vor dem ich in der Früh meinen Eyeliner ziehe, verzerrt, vielleicht schaut das alles gar nicht so aus, wie ich es mir vorstelle, wie mir das beschichtete Glas, das, wie so ziemlich alles in meinem Zimmer, am Boden stehend an der Wand lehnt, zeigt. Ich gehe an Schaufenstern vorbei und erhasche nur einen kurzen Blick. Gleich wieder wegschauen, verdrängen. Von der Seite will ich mich nicht sehen. Und das geht auch sehr gut. Ich muss sowieso an anderes denken! Was habe ich heute schon gemacht? Was habe ich vor? Wo bekomme ich zum Teufel dieses blöde Verlängerungskabel her? War da nicht noch irgendetwas? Ich mache nichts. Ich trinke nur mehr Kaffee mit lieben Menschen und zische mit meiner Chayenne, wie ich mein Radl liebevoll nenne, durch halb Wien. Oder, wie gestern, durch ganz Wien, das mit der Orientierung habe ich immer noch nicht so ganz drauf. Ich muss jetzt los, hab mich zum Kochen mit wem verabredet!
Nicht nur der Schlaf kommt zu kurz, auch mein Bewusstsein für die gesunde Ernährung war schon einmal stärker vorhanden (no na). Ich habe Weißbrot für mich entdeckt und habe andauernd Hunger. Ernähre mich fast ausschließlich von Sojasauce und von Cornflakes. Und ich esse und trinke ganz viel und springe und tanze zum bunten Baron. Ja, wie gesagt, so gesund lebe ich momentan nicht. Sagen wirs halt nicht meiner Mutter. Aber ich habe keine Zeit, mich deswegen schlecht zu fühlen. Es gibt so viel zu tun!
Und ich bringe nichts weiter. Ich muss doch dort hingehen und nach der Arbeit treffe ich wen, morgen ist Bandprobe. Endlich wieder Musikmachen. Mein Ferialpraktikanten-Kollege hat mich heute schon als "fame" bezeichnet. Immer treffe ich mich mit wem. Vielleicht stimmt das momentan auch. Aber wann, wenn nicht jetzt? Augenringe kann man sowieso überschminken!
Und der nächste Tag ist vorbei. Die Zeitung bleibt fast ungelesen und das Verlängerungskabel ist immer noch nicht aufgetrieben. Eigentlich wollte ich mir den Sonntag nur für mich nehmen. Ausschlafen und irgendwas tun, vielleicht gehe ich mal wieder schaukeln. Es gibt wenig Schöneres, als zu schaukeln. Vielleicht auch noch mit dem Rad einen Berg hinunter zu fahren. Aber sonst? Letztens habe ich so Lust bekommen, hin und her zu schwingen, da habe ich mich auf die Suche gemacht und den Alois Droschke Park gefunden. Keine Ahnung, ob ich jemals wieder dorthin zurück finden werde. Aber gerade habe ich eine Anfrage zum Arbeiten für Sonntag bekommen. Neun Euro die Stunde von 10 bis 18 Uhr. Irgendwas mit Service im Marriott Hotel. Soll ich es annehmen? Ich weiß nicht.
Und überall so viel zu sehen. So viele tolle Veranstaltungen, die ich gerne alle besuchen würde. Aber das mit dem gleichzeitig wo sein habe ich noch nicht ganz herausbekommen.
Nicht vergessen: frische Unterwäsche. Ich muss Wäsche waschen und Haushalt führen und aufräumen und Betten überziehen. Das schiebe ich so vor mich hin. Gestaubsaugt sollte auch mal wieder werden. Egal, solange die Pflanzen gegossen werden. Die Sonnenblume geht eh schon ein.
Und schon ist der Sommer wieder um.
Und ich muss jetzt wieder los. Die Schwester will von der U-Bahn abgeholt werden und ich kann mich auf eine lange Nacht voller Getratsch und Gelächter einstellen. Ich nehm das Skateboard, da bin ich schneller. Und draußen wird es immer kühler, Jacke nicht vergessen, ist ja egal, ob die zugemacht nicht gut aussieht.

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